„Mit der POGO40 von Gran Canaria nach Madeira.

Ein Kojencharter-Törn der Sailcom über Sailing Island (14. – 22. März 2009)“

Dieser Törnbericht hätte aufgrund der ab 40 anscheinend einsetzenden Altersdemenz fast nicht erscheinen können. Die zugrunde liegenden Notizen und Aufzeichnung würde sich noch heute in einem Restaurant auf Madeira befinden, wenn ein aufmerksamer Kellner diese nicht aufbewahrt hätte.

Dem geneigten Leser überlasse ich die Wahl, was besser gewesen wäre…

Prolog

Ich hatte diesen Törn gebucht, weil ich die Strecke interessant fand. Entspanntes Sherrysegeln unter südlicher Sonne zu einer Zeit, in der hier noch Regen und Schnee den Tag beherrschen…

Nach der Buchung als Ergebnis zahlreicher, vorbereitender emails seitens Sailing Island und  Jörg Müller wurde ich unruhig.

Wasserfeste Seesäcke sollten wir mitbringen – es könnte feucht werden unter Deck… Die Erholung brauchen wir nach dem Törn,  dieser selbst, bringt keine Erholung… Eine Regattayacht, eine Rennziege sollte unsere Pogo40 sein… Es soll gleiten können (Aha!)

Regatta? Rennen? Fehlender Komfort? Worauf habe ich mich da eingelassen?

Kurzum: Wer Komfort und entspanntes Fahrtensegeln erwartet, der ist falsch hier. Also, was mache ich denn da?

Meine Empfehlung an alle: Vor der Buchung erstmal die Törn- und Bootsbeschreibung lesen…

Das Boot erschien nicht nur unkomfortabel, sondern auch kompliziert – von der vorab zugemailten Gebrauchsanleitung habe ich wenig (Euphemismus!) verstanden. Dennoch – das war eine tolle Vorbereitung seitens des Vercharterers!

Ein Boot, komplizierter als mein Handy oder Windows Vista – Balasttanks, Pumpen, Mast und Backstag, Wenden und Halsen mit gefluteten Balasttanks erscheinen als Alle Mann-Manöver!

1. Gran Canaria – wie aus Seesäcken Sehichnichtsäcke werden

Am Samstag, dem 14. März um 16 Uhr trudelten wir langsam auf Gran Canaria ein. 

Wir, das waren Jürgen Reimann, Jörg Müller, Armin Kröck , Oliver Ziehm und Eggo Rettmer.

Wir, das waren 4 Mann mit Gepäck und einer mit Gepäckabschnitt, aber ohne Gepäck – Jörg Müllers Seesack wurde einfach mal in Hamburg  gelassen.

Wir kamen am späten Nachmittag am Boot an, und, ja, eine luxuriöse und komfortable Fahrtenyacht sieht anders aus!

Nach dem Einkaufen der Lebensmittel gingen wir entspannt alle zusammen zu einem Kennenlerndinner. Während die Sailcom-Mitglieder sich ja durchaus bereits teilweise kannten, waren der Skipper Martin Zeyer und unser Mitsegler Armin Kröck ja für uns und wir für die beiden neu.

Der Seesack wurde übrigens gefunden und dann am Sonntag Abend nachgeliefert.

2. Ein erster Übungsschlag mit dem Boot

Am Sonntag hieß es dann: Seesack abwarten! Zumindest für Jörg… Insofern würden wir wohl erst Montag früh auslaufen.

Wir machten einen Übungsschlag auf das perfekt daliegende Meer. Bei Sonne und guten Winden machten wir uns mit dem Boot vertraut.

Abends dann ein Farewell-Dinner auf der Terrasse des Restaurants „El Faro“ auf dem Molenkopf von Puerto Mogan – an Seemannsromantik nicht zu überbieten.

Es zeichnete sich schon jetzt der Verpflegungsklassiker dieses Törns ab:

Zwieback  mit darauf abgeriebener Knoblauchzehe, Tomaten, Salz und Olivenöl. Bruschetta ist Kinderkram dagegen – und wer das ist, muss Einsamkeit aushalten können!

3. Ablegen am frühen Montag-Morgen

So. um 0300 stand unser Ableger-Team (Oliver und Jörg) dann bereit – und wir anderen in den Kojen :

Schallisolierung war ein Fremdwort für die Pogo. Im Gegenteil, der Salon und die Kammern bildeten einen erstklassigen Resonanzkörper!

Die erste Strecke Richtung Nordspitze Teneriffa motorten wir. Naja, nicht wir – der Jockel vor allem, unterstützt von Max (dem Autopiloten). Diese beiden Crewmitglieder sollten noch öfters ihre Schichten gehen!

Ab und ab gab es dann doch auch Wind. Motor aus, Segel hoch, zwei Minuten segeln, Wind weg, Motor an… Das verhinderte Monotonie!

Und bei jedem Segelmanöver sorgten die Winschen für einen Höllenlärm unter Deck, insbesondere in der achteren Steuerbordkammer (ich spreche da aus eigener Erfahrung).

Wenn jemand mal die Geräuschkulisse einer Pogo40 unter Segeln simulieren möchte: Legt Euch in die Badewanne mit dem Kopf unter Wasser, bittet jemanden, mit einem elektrischen Schneebesen in der Nähe Eurer Ohren das Wasser zu quirlen und zu Euren Füßen China-Böller, der Größe D im Wasser explodieren zu lassen!

Tagsüber bzw. auch in der Nacht kämpften Jürgen und ich kurzfristig mit der Seekrankheit. Doch mit Ausnahme von kurzzeitigem Erbrechen war ansonsten von dieser unangenehmen Begleiterscheinung nichts zu spüren.

Wir hatten dafür eine einfache Erklärung.

Laut eines Berichts in der YACHT sind womöglich Histamine für Seekrankheit verantwortlich. Und Histamine sind auch in Tomaten enthalten. Montag gab es Tomaten im Salat. Und als diese dann mitsamt der Histamine und dem Salat wieder außenbords gingen, war die Seekrankheit auch wieder zu Ende!

Übrigens, nachdem wir uns tagsüber mit Schnittchen und Salat versorgten, gab es abends dann Spaghetti Bolognese, genial und auf den Punkt zubereitet.

Man brauchte nicht mal das Nudelwasser salzen. Eine Mischung aus 2/3 Trinkwasser und 1/3 Seewasser war ausreichend naturgesalzen!

Losgelöst von der gewöhnungsbedürftigen Geräuschkulisse, der Seekrankheit und dem fehlenden Wind war es ein genialer Tag – sonnig, warm mit 25°C…

Abends ließen wir dann den Leuchtturm und die Nordspitze Teneriffas hinter uns. Wind kaum auf, die Richtung und die Stärke stimmte.

4. Schichtbetrieb auf See

Im 3-Stunden-Schichtbetrieb ging es dann unter Segeln Richtung Norden. Im 3-Stunden-Schichtbetrieb ging es dann unter Segeln mit einem Amwindkurs von 330-350 Richtung Norden.

Stellenweise machten wir 8 Knoten in der sternklaren Nacht. Mondhell, sternenklar und sommerlich warm war es.

Wer oder was war eigentlich dieses nasskalte Hamburg

Dienstag morgen um 11 Uhr hatten wir dann bereits die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Der Schichtbetrieb und die Bordroutine greifen und betten uns ein in einen herrlich entspannten Rhythmus:

Zwei Mann gehen Wache, der Rest döst, plaudert, liest, sonnt sich, macht Brote oder anderes Essen, Tee und Kaffee, spült ab, lässt sich den inzwischen abflauenden Wind um die Nase wehen. Die 7 Knoten Windgeschwindigkeit reichen gerade noch für rund 4 Knoten Fahrt über Grund…

Der Geist, der Körper, die Seele – alles bewegt sich im Einklang mit der monotonen Bewegung des Schiffes, dem Rauschen des Wassers am Boot. Alltag, Beruf, alles weit, weit weg, der Kopf wird frei.

Die Nachfahrten auf der Pogo sind übrigens wirklich ein feuchtes Vergnügen. Die feuchte Meeresluft kondensiert auf dem Deck, den Innenflächen und unserem Ölzeug.

Die sanitären Einrichtungen auf der Pogo geben uns genügend Ausreden, die Körperpflege auf ein unter Männer durchaus ausreichendes, für den Opernball in Wien jedoch nicht akzeptables Niveu zu senken.

Der alte Matrosenwitz erscheint unter diesen Umständen nicht passend:

Was macht der Seemann als erstes, wenn er nach Hause kommt? Er nimmt sich seine Frau vor.

Und als zweites? Stellt er den Seesack in die Ecke!

Wenn der Seemann von der Pogo kommt, dann treibt ihn seine Frau vermutlich mit dem Schrubber unter die Dusche und ist dabei durch einen Überdruckgummianzug aus „outbreak“ geschützt. Danach werden Kleidung und Seesack operativ entfernt…

In der Nacht von Dienstag zu Mittwoch ziehen Wolken und ein kleines Tief durch.

Ein wunderbares Erlebnis haben Jörg und ich während der Nachtwache. Einige Delfine begleiten uns mehr als eine Stunde. Dabei ziehen sie leuchtende Bahnen hinter sich her und fluoriszieren selbst: Im Wasser befindet sich viel leuchtendes Plankton. Das war ein phantastisches Erlebnis – geisterhaft sah das aus!

Am Mittwoch Morgen klart es dann wieder auf.

Unser Skipper Martin beschließt tagsüber, dass der Wind ein Genaker-Segeln ermöglicht. Also holen wir die Genua ein, setzen den Karbonbugsprit durch und heißen das Genaker-Segel.

 

Wie wir dann alle feststellen konnten, läuft das Boot deutlich schneller, erfordert allerdings auch eine sehr präzise Steuerung.

Mag die Pogo eher spartanisch eingerichtet sein, so bietet sie doch zahlreiche Liegeflächen an Oberdeck. Diese nutzt die Freiwache dann auch ordentlich.

Gegen Mittag tauchen dann die Islas Desertas wolkenverhangen am Horizont auf. Es handelt sich um unbewohnte Naturschutzgebiete und gleichzeitig um die südlichsten Inseln des madeirischen Archipels.

Es sieht schon eigenartig aus: Wir segeln unter strahlend blauem Himmel und sengender Sonne. Nur die Inseln ziehen eine Wolkendecke an und sind kaum auszumachen!

Am Nachmittag und Abend wird aus unserem Rennboot das Partyboot. Mit chilligen Beats und einem Sundowner läuten wir den Abend ein.

Nach einem gemeinsamen Beschluss segeln wir nicht direkt nach Funchal auf Madeira. Der Ortsname bezieht sich übrigens auf den wilden Fenchel, der das Tal bei seiner ersten Erkundung überwuchert haben sollte.

Wir peilen Porto Santo, die nördlichste Insel es madeirischen Archipels, an. Meist fährt nun wieder Jockel, unterstützt von Max. Die Lichter Madeiras und Porto Santos sind während der Nacht unsere Orientierungshilfen.

Donnerstag früh gegen 0315 Uhr machen wir dann fest, nachdem uns die letzten 1 ½ Stunden wieder die leuchten Delfine begleiteten (diesmal 7 Stück!).

Was für eine laue, wunderbare Sommernacht war es dann im Hafen:

Aus dem Einlaufbier wurden dann mehrere, begleitet von Zwieback mit geriebenem Knoblauch, und auch das Meer wurde zu einem nächtlichen Bad genutzt!

5. Porto Santo

Mit einem seltsamen und strengen Geschmack wachten wir dann am Vormittag auf. Was für ein Morgen erwartete uns!

Eine grüne Insel mit Palmen und langem Sandstrand, voller Blumen und Blüten, ein kleines, ordentliches, sauberes Zentrum mit Promenaden-Anlagen, die auf Zuwachs ausgelegt waren. Stellenweise wirkte das wie ein Gemälde von Hopper – Gebäude, Meer und kaum Menschen.

Am Marktplatz nahmen wir ein sehr süßes Frühstück zu uns. Der Platz bot auch kostenlosen, öffentlichen WLAN-Zugang – sehr modern in alter Umgebung!

Und die Handys hatten wieder Empfang und einen praktischen Nutzen! Ein Crewmitglied nutzte die Toilette im Cafe und stellte – zu spät – fest, dass das Klopapier fehlte. Jörg konnte dann, über das Handy alarmiert, helfen! Wie heißt eigentlich Klopapier auf portugiesisch?

Danach teilten wir uns auf. Einige kauften ein, andere nutzen den Strand für ein Sonnenbad.

Nachmittags stellten wir dann fest, dass dichte Wolkendecken nicht nur auf den Islas Desertas auftraten. Es hatte sich auch über Porto Santo zugezogen. Und nicht nur das:

Auf dem Rückweg zum Boot öffnete der Himmel seine Schleusen. Dann war es gar nicht mehr sommerlich warm, sondern recht, ich sage einmal, hanseatisch norddeutsch.

Gut, dass die Duschen der Marina richtig warmes Wasser hatten.

6. Gleiten mit der Pogo

Am Freitag ging es dann mit nördlichen, kräftigen Winden nach Madeira. Was für ein Segeltag lag vor uns!

Zunächst mit achterlichem Wind, danach mit halben wind rasten wir gen Madeira. Unsere Rennziege machte 8 bis 10 Knoten Fahrt über Grund.

Und ich lernte, was Gleiten bedeutet: Die Heckwelle bricht ab. Oder das Schiff überholt die eigene Heckwelle. Oder so ähnlich… Auf jeden Fall trat damit etwas ein, was, so wurde mir gesagt, bei normalen Fahrtenyachten nicht möglich sei.

Und ich gebe zu: Das war beeindruckend. Gute alte (spartanische) schnelle Pogo…

Die Fahrt nach Madeira vergeht wie im Flug. Um 1530 heißt es dann Segel bergen und Motor an. Die letzten Seemeilen fuhren wir im Windschatten Madeiras in die Marina von Funchal.


 Gleichzeitig machte sich dann auch Wehmut bei uns breit. Wir wussten, dass nun unsere gesegelten Tage endeten.

Um 17 Uhr liegen wir fest an der Pier in Funchal. Madeiras Berggipfel sind wolkenverhangen. Auf unserer, auf Meereshöhe jedoch scheint die Sonne und verabschiedet sich mit einem tollen Sonnenuntergang.

Abendstimmung, Einlaufbier – alles ist gut. Auch die spartanische Pogo, finde ich.

Epilog

Tja, das war der Madeira-Törn im Frühjahr 2009. Nach unserem Einlaufen verbrachten wir noch die individuell verbleibenden Zeiten auf der Insel, fuhren herum, gingen essen, genossen Fado.

So schön und so interessant Madeira sich dabei präsentierte, so wenig hatte diese Insel jedoch die Chance, sich als Höhepunkt dieses Törns zu zeigen.

Der Höhepunkt war eigentlich jede gesegelte Minute mit der Pogo 40 auf See.

Ein SailCom-Törnbericht von Eggo Rettmer.

 

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